Bilder: Sleep Token [Offizielles Pressefoto], PRESIDENT – In the Name of the Father [YouTube, Official Video]
Es gibt Bands und Musiker:innen, die es schaffen, sich in kürzester Zeit ganz nach oben zu hangeln. Doch wo Erfolg ist, ist auch immer Missgunst. Oft wird schnell aufstrebenden Künstler:innen vorgeworfen, nicht authentisch zu sein, keine handgemachte Musik zu veröffentlichen oder zu viel Fokus auf Äußerlichkeiten legen. Die Kritik kommt dabei von Musikhörer:innen, Musikexpert:innen, der Presse oder sogar von Kolleg:innen. Dabei spricht nicht nur der Erfolg für sie. Auch ausverkaufte Konzerte, Followerzahlen auf den Socials, Streams auf den gängigen Musikplattformen zeigen, dass hier einiges ganz richtig gemacht wird. Doch wieso wird den Bands der Erfolg von Fans und Kritikern so schnell missgönnt?
Die Welt der Anonymität: Sleep Token und President
Anonym auftreten funktioniert! Was schon Bands wie Slipknot oder Mushroomhead in den 1990ern und Anfang der 2000er bemerkt haben, ist auch heute noch ein gutes Rezept, auch wenn die Acts sich in der Regel nicht aus Marketinggründen dazu entscheiden, anonym zu bleiben, sondern um ihre Identität privat zu halten.
Ein Paradebeispiel dafür sind aktuell Sleep Token. Insbesondere durch die beiden Alben Take Me Back To Eden (2023) und Even In Arcadia (2025) hat sich das britische Kollektiv nach ganz oben gearbeitet. Die Streamingzahlen gingen durch die Decke, die monatlichen Hörer:innen bei Spotify sind inzwischen im Millionenbereich und die Konzerte weltweit verkauften sich in kürzester Zeit aus. 2025 spielten sie beim Download Fest in ihrer Heimat UK als Headliner, was nicht nur der Band selbst, sondern auch den Veranstaltern des Festivals viel Kritik einbrachten. Demnach hieß es, dass sie noch nicht lang genug im Geschäft und noch nicht etabliert genug seien, um ganz oben auf dem Festivalplakat zu stehen. Die Veranstalter konterten, dass eine Band, die in wenigen Minuten die Wembley Arena ausverkaufte, mehr als genug das Zeug zum Festival-Headliner habe und es mit den Großen der Szene allemal aufnehmen könne:
“Wir müssen Bands fördern und an das glauben, was wir tun, aber wir gehen dabei nicht planlos vor. Es ist wohlüberlegt, es ist kalkuliert, und ich glaube, jetzt ist die Zeit für Sleep Token gekommen”, erläuterte dato Booker und Organisator Andy Copping.
“Es wird ein riesiger Moment für sie und für das Festival, und ich glaube, dass auch alle Kritiker es verstehen werden, wenn sie sie sehen.”
Mit Erfolg, denn mit ihrer Headliner-Produktion überzeugten sie nicht nur beim britischen Download, sondern auch bei Rock am Ring und Rock im Park.
Und apropos Download Fest. Dort trat 2025 auch eine Band auf, die bis dato noch niemand kannte: President. Die Truppe tritt ebenfalls anonym auf, sodass die Vermutung anfangs nahelag, dass es sich hier um Side Project von Sleep Token handeln könnte. Direkt wurden Stimmen laut, dass man hier als Trittbrettfahrer unterwegs sei und Vessel und Co. imitiert. Die Aufregung war entsprechend groß und auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, dass die Kombo mit Sleep Token nichts am Hut hat, ist der Hype geblieben. Headliner-Konzerte verkauften sich rasend schnell aus und monatliche Hörer:innen bei Spotify im siebenstelligen Bereich sprechen Bände angesichts der Tatsache, dass die Kombo erst so kurz im Geschäft ist. Musikalisch kupfern President übrigens nicht von Sleep Token ab, denn mit ihrem industriellen Sound klingen sie ganz anders als ihre britischen Kollegen.
Dass President gerne vorgeworfen wird, auf der Erfolgswelle von Sleep Token mitzuschwimmen, ist allerdings nichts Neues. Doch abseits dessen, dass musikalisch schon kaum Gemeinsamkeiten da sind, wählen die Acts auch einen anderen Ansatz der Promotion. Sicherlich spielt die Anonymität für beide Bands eine große Rolle, doch da hört es dann auch schon auf, wie President selbst bereits kundgetan haben:
“Was für ein verdammt fauler Vergleich. Ja, wir haben dasselbe Management und wir tragen beide Masken. Das sind beides Tatsachen… erwischt! Ist das etwa alles?! [...] Masken zu tragen ist doch kaum etwas Neues, oder?!”
Soundwechsel - OHNE die Fans zu fragen?! Architects und Bring Me The Horizon
Neben Missgunst zu rekordverdächtigem Erfolg werden auch Soundwechsel gerne und viel kommentiert - natürlich meist völlig ungefragt. Abbekommen haben das viele Bands der Szene, insbesondere diese, die früher etwas härter unterwegs waren und ihren Sound geöffnet haben. Nehmen wir Architects als Beispiel. Während Sam Carter und Co. durch ihre ersten Alben als DIE britische Metalcore-Band weltweit Erfolge feiern konnten, änderte sich der Sound im Laufe der Zeit.
Die Zäsuren (The Here And Now, For Those That Wish To Exist, The Classic Symptoms Of A Broken Spirit) stießen bei vielen Fans auf Enttäuschung. Dabei sprachen die Verkaufszahlen für die britische Band: The Here And Now war die erste Platte, die in den Charts auftauchte und For Those That Wish To Exist das erste Nr. 1-Album in ihrer Heimat UK. The Sky, The Earth & All Between war die Rolle rückwärts und holte einiges an brachialer Härte zurück, ohne den modernen Sound abzulegen. Die darauf befindliche Single “Seeing Red” widmeten Architects ihren Hatern.
Ähnlich erging es Bring Me The Horizon. Spielten sie in der Anfangszeit noch sehr rohen Deathcore, sind insbesondere die aktuellen EPs sehr durchproduziert und vor allem gut durchdacht. Post Human: Survival Horror schwamm auf der Welle des mitsingbaren Metalcore mit, während Post Human: NeX GEn von Emo-Vibes und elektronischen Elementen lebt. In der Zwischenzeit, also zwischen dem ersten Longplayer Count Your Blessings (2006) und NeX GEn (2024), gab es so einige Richtungswechsel, bei denen einige Fans ausstiegen. Insbesondere That’s The Spirit von 2015 ist ein Album, mit dem die britische Band viele Hörer:innen der Anfangsjahre verloren, allerdings auch eine ganze Menge dazu gewannen. Mit dem deutlich eingängigeren Sound, den die Band vor allem Producer Jordan Fish verdankte, wurden die Stimmen der frühen Anhänger laut. Getreu dem Motto “nicht mehr meine BMTH” werden es einige Fans bis heute nicht leid, gerade online immer wieder Kritik zu üben. Dabei verhalfen die Platten ab 2015 BMTH zu absolutem Headliner-Status, von dem sie sicherlich so schnell nicht mehr wegkommen.
Gründe für Missgunst - die eigentlich keine Gründe sind
Doch was bringt die Fanschaft dazu, Bands, die sie einst geliebt haben, plötzlich mit einer Art Widerwillen zu betrachten? Rock und Metal leben natürlich - im Vergleich zu Popmusik, bei der oft externe Produzenten dahinterstecken - von handgemachten Sounds und Lyrics. Ein sehr schönes Merkmal, dessen Bild bei Fans ins Wanken gerät, wenn ein Soundwechsel scheinbar von externen Einflüssen getriggert wird und dann plötzlich Erfolg mit sich bringt. Architects haben sich für The Sky, The Earth & All Between als Produzenten beispielsweise Jordan Fish rangeholt, der bekanntermaßen Bring Me The Horizon zu dem Status mit verholfen hat, den sie heute haben. Natürlich liegt es nahe, dass hier Stimmen mit den Vorwürfen laut werden, dass sich auch Sam Carter und Co. Fish nur geschnappt haben, um auf eine Stufe mit BMTH zu kommen. Dabei kam die Zusammenarbeit mehr oder weniger spontan zustande, wie Carter in einem Interview wissen ließ:
“Wir hatten uns schon länger vorgenommen, ein neues Level für uns zu finden, einen Gang höher zu schalten. Dann verließ Josh die Band und wir überlegten, ob ein weiterer Akteur in Architects involviert werden könnte. Und genau da verließ Jordan BMTH. Er rief an und fragte: ‘Sollen wir ein Album zusammen machen?’”
Ähnlich verhält es sich mit rasantem Erfolg in einer Szene, die eigentlich von Beständigkeit und linearem Wachstum lebt. Während sich einige Acts gerade in den 1990ern und Anfang der 2000er ihren Status noch deutlich mühseliger erarbeiten mussten, haben es junge Künstler:innen deutlich leichter. Social Media, insbesondere TikTok und Instagram, plus deutlich leichterer Zugang zu Musik durch beispielsweise Streamingdienste tun hier ihr Übriges. Sleep Token nutzten diese Möglichkeiten gerade bei der Vermarktung ihres 2025er Albums Even In Arcadia sehr smart in Form einer Art Online-Schnitzeljagd, um Fans bei sich zu halten, während President ihren Launch ebenfalls über die sozialen Medien begleiten. Dabei geht es weniger darum, sich selbst bis zum Sanktnimmerleinstag selbst zu vermarkten, sondern die Kanäle, die ohnehin im Leben der Hörer:innen eine große Rolle spielen, geschickt zu nutzen. Marketing müssen Künstler:innen sowieso machen und der heutige Algorithmus der Social Media Channels verlangt regelmäßigen Content. Einen Weg daran vorbei gibt es nicht, wenn man im Gespräch bleiben möchte.
Oft geht es also nicht darum, für den Mainstream zugänglicher zu werden, sondern viel mehr um Entwicklung. Und das ist in keinster Weise verwerflich, denn darum geht es sowohl in der Kunst als auch im Job: Nicht auf der Stelle zu treten, sondern sich zu entwickeln und etwas zu erreichen. Dass ein entsprechender kommerzieller Erfolg damit einhergeht, ist der natürliche Weg. Und wer würde diesen schon ablehnen?