Bild: Electric Callboy Live (Jonas Tellkamp)
Wenn man über die großen „Exportschlager“ im Metal und Rock aus Deutschland nachdenkt, kommt man an einer Band inzwischen nicht mehr vorbei: Electric Callboy. Die 2010 noch unter dem Namen Eskimo Callboy gegründete Kombo aus Castrop-Rauxel hat in den letzten Jahren eine derart steile Karriere hingelegt, dass einem bei Geschwindigkeit und Flughöhe beinahe schwindelig wird. Im Sommer stehen sie u.a. bei Rock am Ring und Rock im Park sowie beim Graspop Metal Meeting auf der Bühne – und das auf den besten Slots. Schon in den letzten Jahren erreichten sie Headliner-Status auf den europäischen Sommerfestivals und sind aus der Saison nicht mehr wegzudenken.
Kaum eine deutsche Band schafft es aktuell so mühelos, modernen Metalcore mit Elektro zu verknüpfen, als wäre es das Einfachste der Welt. Hin und wieder werden noch andere Musikrichtungen eingeflochten, wie beispielsweise Deathcore oder Schlager (jap, richtig gelesen), am Ende mit einer guten Portion Comedy und Selbstironie gewürzt und voilà – fertig ist der klassische EC-Sound. Dass daraus einmal eine der erfolgreichsten modernen Rockbands Europas werden würde, hätten zu Beginn allerdings wohl die wenigsten erwartet.
Electric Callboy: Eine Band, die sich selbst nicht zu ernst nimmt
Die frühen Jahre und Releases waren geprägt von einem rohen Sound und Internet-Humor (ja, so nannten wir das damals). Die Songs waren laut und wild: Metalcore traf auf Dance-Beats, Trance-Synths und Party-Attitüde – eine Mischung, die damals irgendwo zwischen Genialität und Entgeisterung bei Musikkritiker:innen lag. Genau das machte den Reiz aber aus und verschaffte der Band schon sehr früh eine breite Fanbase. Denn während viele Bands der Szene versuchten, möglichst hart oder besonders „cool“ zu wirken, gingen Electric Callboy einen anderen Weg. Selbstironie wurde zum Markenzeichen, das bis heute Bestand hat. Die Band spielte bewusst mit Klischees, überzeichnete den eigenen Stil und machte aus ihrer Musik ein Gesamtkonzept, das irgendwo zwischen Party und kompletter Reizüberflutung hervorragend funktioniert. Die gesangliche Doppelspitze aus Kevin Ratajczak und Sebastian "Sushi" Biesler sorgte dabei schon früh für eine besonders starke Dynamik.
"Hypa Hypa" und hoch hinaus
Mit der Zeit entwickelte sich daraus allerdings weit mehr als nur ein verrücktes Internet-Phänomen. Besonders der Weggang von Sushi und der Einstieg von Sänger Nico Sallach im Jahr 2020 markierten einen wichtigen Wendepunkt, denn der Sound entwickelte sich schlagartig weiter. Die Songs wurden eingängiger und deutlich fokussierter produziert – allerdings ohne dabei den typischen Wahnsinn der Band zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Tracks wie „Hypa Hypa“, „Pump It“ oder „We Got The Moves“ gingen weit über die Grenzen der Core-Szene hinaus viral und machten EC plötzlich international relevant und ihr Album TEKKNO landete auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Einen besonderen Hype erlangte die Band durch ihre Bewerbung für den Eurovision Song Contest 2022, die jedoch von der Jury abgelehnt wurde. Eine Kampagne im Netz ging viral und verschaffte der Truppe noch mal ordentlich Aufmerksamkeit. Im gleichen Jahr benannte man sich in den heutigen Namen Electric Callboy um.
Doch es kann ja nicht nur um Hype gehen, oder? Nein, tut es natürlich nicht! Hinter der ganzen Ironie steckt obendrein ein extrem gutes Gespür für Songwriting. Die Kombination aus harten Breakdowns und starken Hooks bleibt sofort hängen. Dabei schaffen sie es gleichzeitig, nie künstlich oder kalkuliert zu wirken. Alles wirkt zwar ein kleines bisschen drüber, aber eben auf eine sehr bewusst kontrollierte Art.
Auch optisch hat sich die Band ihre ganz eigene Identität aufgebaut. Trainingsanzüge, Neonfarben, absurde Outfits und überzeichnete Ästhetik gehören genauso zu Electric Callboy wie die Musik selbst. Auch ihr Merch wirkt hier weniger wie ein klassisches Bandprodukt, sondern eher wie Teil eines größeren Gesamtkonzepts.
Eine absolute Live-Wucht
Und jetzt stell dir vor, wie sich der fette Sound erst live entfaltet. Kein Wunder also, dass Electric Callboy aktuell zu den stärksten Festivalbands Europas gehören. Ihre Shows liefern genau das, was große Bühnen brauchen: Singalongs und komplette Eskalation. Und die Zuschauer:innen befinden sich irgendwo zwischen Metalcore-Konzert und Rave. Kaum eine andere Band schafft es derzeit, ein Publikum so schnell komplett abzuholen und sich gleichzeitig Fans verschiedenster Musikrichtungen zu angeln. Ein Grund, weshalb sie nicht nur auf Rock- und Metal-Festivals, sondern auch bereits auf EDM-Festivals wie beispielsweise dem Parookaville gespielt haben.
Aus einer Band, die einst vor allem durch Chaos und Spaß auffiel, ist längst ein ernstzunehmender Headliner geworden – auch wenn sie darüber wahrscheinlich selbst am lautesten lachen würden.