Bild: Beartooth Live [Karoline Schaefer, @cateyephotography]
Beartooth sind zurück! Nachdem die Band um Frontmann Caleb Shomo bereits im Februar ihre Single “Free” veröffentlicht hatte, legt die US-Kombo jetzt mit einer weiteren Single und direkt auch der dazugehörigen Albumankündigung nach. Pure Ecstasy heißt die neue LP, die am 28. August 2026 via Fearless Records das Licht der Welt erblickt. Die gleichnamige Single-Auskopplung steht ab sofort ebenfalls bereit.
Pure Ecstasy stellt den nunmehr sechsten Full-Length-Player von Beartooth dar. Seit dem Debüt Disgusting (2014) hat sich die Band dabei nicht nur musikalisch, sondern auch visuell und thematisch immer wieder neu sortiert. Was als extrem roher, fast übersteuerter Ausbruch begann, hat sich über die Jahre zu einem deutlich vielschichtigeren Sound entwickelt, ohne dabei den emotionalen Kern zu verlieren. Denn egal in welcher Phase: Beartooth waren immer ein sehr direktes Sprachrohr für mentale Ausnahmezustände und Selbstzweifel sowie den Versuch, damit irgendwie klarzukommen.
Die rohen Anfangszeiten von Beartooth
Schon Disgusting klang weniger wie ein durchproduziertes Metalcore-Album, sondern viel mehr wie ein Ventil, das sich komplett geöffnet hat. Caleb Shomo, der zuvor bei Attack Attack! gespielt hat, schrieb und produzierte damals alles selbst und spielte es auch nahezu alleine ein. Musikalisch bewegt sich die Scheibe irgendwo zwischen Hardcore, frühem Metalcore und Punk-Attitüde.
Der rohe Sound der Anfangszeit passte perfekt zu der Thematik hinter der Musik. Caleb Shomo bringt (bis heute) sehr persönliche Themen in die Musik ein. Es geht um mentale Gesundheit, Ängste, Kontrollverlust und den Kampf gegen sich selbst. Diese Direktheit wurde schon früh zu einem Markenzeichen der Band und hat auf Disgusting den Grundstein für alles gelegt, was danach kam. Dabei brachte die Platte schon einige Hits hervor, die bis heute Bestand haben. “In Between” beispielsweise wurde inzwischen mit Platin ausgezeichnet und ist fester Bestandteil der Live-Sets, fungiert meist als “Rausschmeißer” auf Beartooth-Konzerten und birgt definitiv das größte Mitsing-Potenzial.
Mit dem Nachfolgewerk Aggressive (2016) wurde der rohe Ansatz dann etwas klarer strukturiert. Der Name ist dabei fast ein bisschen irreführend, denn obwohl die Platte weiterhin voller Energie steckt, wirkt sie deutlich geordneter. Die Produktion ist sauberer, die Songs stärker auf große Refrains und Singalongs ausgelegt. “Hated” oder “Rock Is Dead” zeigen hier bereits sehr deutlich, wie Beartooth beginnen, Härte mit Eingängigkeit zu verbinden und Metalcore/Post-Hardcore etwas zugänglicher für Genre-Fremde zu machen. Gleichzeitig bleibt der thematische Kern derselbe: Innere Konflikte, Selbstzweifel, der permanente Kampf mit sich selbst, nur musikalisch eben etwas greifbarer verpackt.
Musik als Ausdruck von Emotionen
Daran anknüpfend setzte Disease (2018) die musikalische Entwicklung zwar konsequent fort, ging inhaltlich allerdings in eine deutlich dunklere Richtung. Die Platte wirkt weniger impulsiv als die beiden Vorgänger, dafür bewusster konstruiert, fast so, als würde Shomo seine eigenen Abgründe nicht mehr nur rauslassen, sondern gezielt ausformulieren. Das merkt man auch am Sound: Die Arrangements werden detailreicher und komplexer.
Erstmals in der Diskografie kommt hier auch stark der Einsatz eines Farbschemas zum Tragen. Waren Disgusting und Aggressive in gedeckten Tönen gehalten, ist das Cover-Artwork von Disease orange. Das greift die Band auch in ihrer Produktion visuell auf. So sind die Backdrops auf den Konzerten in der gleichen Farbe gehalten, ebenso wie das Bandana, das Caleb als Wiedererkennungszeichen bei seinen Auftritten und in Musikvideos trug.
Nach Orange kam dann Lila. Below (2021) kippte die Dunkelheit von Disease dann in etwas noch Schwereres. Das Album ist langsamer, atmosphärischer und deutlich weniger auf klassische Core-Energie ausgelegt wie die Vorgänger. Stattdessen dominieren schwere, beinahe doomige Strukturen, die sich viel Zeit lassen, um zu wirken. Inhaltlich fühlt sich Below an wie ein langer Blick in einen Zustand der Erschöpfung: Weniger Wut, mehr Leere, weniger Explosion, mehr Druck von innen. Heute sagt der Sänger, dass er sich während des Entstehungsprozesses von Below mental an einem sehr tiefen Punkt befand.
Hoch, höher…
Umso stärker wirkt im Anschluss der Bruch zu The Surface (2023), das wieder deutlich mehr Licht in den Beartooth-Sound bringt. Die Songs sind zugänglicher, moderner produziert und insgesamt stärker auf Hooks und Dynamik ausgelegt. Ohne die emotionale Ehrlichkeit zu verlieren, verschiebt sich der Fokus hier weg vom reinen Abgrund hin zu einer Art Verarbeitung, was Shomo auch so bestätigte. Es geht weniger um das Feststecken in Zuständen, sondern eher um Bewegung, um das Herausklettern aus genau diesen Momenten. Es sei das ehrlichste Album und gleichzeitig auch das, was ihm in der gesamten Diskografie von Beartooth am meisten Hoffnung schenkte.
Auch visuell zeigt sich dieser Wandel in einem satten Rosa (mit Ausnahme von “Riptide”, das zunächst als eigenständige Single veröffentlicht und durch Türkis gekennzeichnet wurde) und somit helleren, klareren Farben und einer insgesamt offeneren Ästhetik.
…und bis ganz nach oben?
Vor diesem Hintergrund wirkt Pure Ecstasy fast wie die logische nächste Stufe. Die bisherigen Singles “Free” und der Titeltrack deuten darauf hin, dass Beartooth ihren Sound weiter verfeinern, ohne die typische emotionale Wucht zu verlieren. Vieles wirkt kontrollierter, aber nicht distanzierter, sondern viel eher so, als hätte Caleb Shomo gelernt, seine eigenen Extreme besser zu steuern.
Nach über einem Jahrzehnt voller Veränderungen bleibt genau das vielleicht der rote (literally, denn das scheint die vorherrschende Farbe zu sein) Faden: Beartooth sind nie stehen geblieben, sondern haben jede Phase genutzt, um unterschiedliche Facetten ihrer selbst musikalisch auszudrücken.